Selbstjustiz: Wenn das Gesetz nicht für die Gerechtigkeit ausreicht
Anonymous tragen die Guy Fawkes Maske, die seit einiger Zeit gleichbedeutend für Selbstjustiz steht. Dass das Recht nicht immer rechtens ist, weiß man, aber inwieweit sollte man es akzeptieren, wenn Individuen das Gesetz in ihre eigene Hand nehmen?
„Selbstjustiz“, das sagt es schon ganz offen, ist die eigenmächtige Entscheidung, „Gerechtigkeit“ zu schaffen, meistens in Zusammenhang mit gewalttätigen oder anderweitig gefährlichen Taten, nicht unüblich ist auch der Lynchmob, also gleich eine ganze Menschenmenge an Selbstjustizlern, der dem vermeintlich Schuldigen an den Kragen will, da das Gesetz anscheinend nicht hinter her kommt.
Selbstjustiz: Helden hinter einer Maske?
Klar, mag man sich denken, ein Robin Hood und selbst Guy Fawkes hatte sicher heldenhafte Ambitionen, wollte die Korruption der herrschenden Oberschicht frei legen und den Menschen helfen. Und auch in Filmen werden Selbstjustizler öfter heroisch als gefährlich dargestellt, etwa wenn Eltern ermordeter Kinder nach Rache suchen.
Gerade das kann jedoch auch schwere Folgen haben, wie nicht nur der Fall des deutschen Lynchmobs gegen einen Jugendlichen im aktuellen Fall der ermordeten Lena zeigte, auch in Amerika kocht es gerade über, denn dort hat ein selbst ernannter Wachmann einer eingezäunten Nachbarschaft einen unbewaffneten Jugendlichen erschossen und wurde bis jetzt nicht angeklagt, da er angeblich aus reiner Notwehr handelte und nur das Beste für die Nachbarschaft wollte.
Anonymous reißen das Recht an sich
Ebenso sieht es im Falle Anonymous aus, einer Internetgemeinschaft ohne Organisation, die es innerhalb der letzten Jahre geschafft hat, Internetseiten von ganzen Ländern, Polizeiorganisationen und großen Firmen zu hacken und deren Infos preis zu geben.
Wo man schmunzeln mag, wenn Anonymous die Spender rechtsradikaler Parteien auf einer Website veröffentlichen, sollte man sich erst einmal überlegen, was so eine Akzeptanz gegenüber individueller Maßnahmen anrichten kann.
Nicht nur werden persönliche Rechte verletzt (wenn etwa Daten, Passwörter und Bilder freigegeben werden), auch können sich ganze Gruppen zusammen finden und eigenständig entscheiden, ob man schuldig ist oder nicht, um dann „ihr“ Recht walten zu lassen, anstatt das Gesetz walten zu lassen. Dass dabei schnell einmal die Falschen terrorisiert werden, ist leider nicht die Ausnahme.
Das Gesetz verfolgt genauen Richtlinien, sammelt Beweise und wägt ab, während eine anonyme Gruppe an Menschen eher emotional argumentiert und überzeugt, so – ähnlich wie viele Klatschblätter – Urteile fällt, ohne eindeutige Beweislage und so auch ganze Existenzen ruinieren kann.
Selbstjustiz ist fehlbar – und da liegt das Problem
Wenn Regisseur Spike Lee etwa wutentbrannt die angebliche Adresse der Eltern des Wachmanns twittert, deren Sohn den unschuldigen Jungen erschossen hat, um es wütenden Individuen leichter zu machen, ihrer Wut Luft zu machen, dabei aber sogar noch die falsche Adresse postet und damit ein älteres Ehepaar unzähligen Hassanrufen, -Mails und -Besuchen aussetzt, dann ist das keine Gerechtigkeit mehr. Es ist vielmehr sträflich.
Das Gesetz ist nicht unfehlbar, ebensowenig wie das Rechtssystem. Das weiß man allgemein. Allerdings ist es derzeit noch der beste Weg, um eine möglichst objektive Entscheidung in emotionsgeladenen Fällen zu treffen, die die betroffenen (und selbst nicht betroffenen) Individuen in einer hoch emotional justierten Medienlandschaft eben nicht treffen können.
Denn auf den Tod eines Unschuldigen, auf das Geschehen eines Verbrechens ein weiteres folgen zu lassen, nur weil man sich von einem Mob hat mitreißen lassen oder weil man seine eigenen Gefühle nicht unter Kontrolle hatte, ist bei weitem nicht das, was man unter welcher Definition auch immer als „Gerechtigkeit“ verstehen kann.
